Leseprobe 2: Die Matrix der Gewalt

(Auszug aus: Die heilige Matrix von Dieter Duhm)

Die Geschichte der patriarchalen Ära war und ist eine Geschichte der Gewalt. Kosovo und die Geschichte des Balkans – Tschetschenien und die Geschichte des Kaukasus – das Schicksal der Kurden und die Geschichte der Türkei – Griechische Geschichte – Römische Geschichte – Geschichte des Judentums – Geschichte des Christentums – Geschichte des Islam – Geschichte des Sklavenhandels – Geschichte der Kolonisation – Geschichte des Kapitalismus – Geschichte Amerikas – Geschichte Afrikas – Geschichte Asiens. Nehmen wir ein normales Geschichtslexikon, so finden wir darin vor allem die Jahreszahlen und die Namen, die mit den großen Eroberungen, Kriegen, Unterwerfungen, Vertreibungen und Vernichtungen verbunden sind. Es ist überall dasselbe, egal ob wir Troja nehmen oder Karthago, Samarkand oder Ninive, Jerusalem oder Dresden, Hiroshima oder Grosny. Im Jahre 70 n.Chr. wurde Jerusalem von den Römern zerstört. Weiß man, was hinter einem so lapidaren Satz steckt? Welches unsägliche Elend, welches Grauen, welche absolute Hölle für die Bewohner mit so einer Stadtvernichtung verbunden war? Weiß man es noch?

Wer es noch weiß, wird das Geschichtsbuch bald wieder zumachen, denn er findet dasselbe auf jeder Seite, überall auf dem Erdball.

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Um ganz zu verstehen, was mit der Matrix der Gewalt gemeint ist, müssen wir unser eigenes Leben genauer betrachten. Wir werden erkennen, in welchem Maße die alltägliche Lebensweise, die wir in den westlichen Industrieländern führen, mit realer weltweiter Gewalt verbunden ist. Das Kontinuum der Gewalt, welches heute den Planeten beherrscht, wird weitgehend durch uns selbst, unsere alltäglichen Konsumgewohnheiten und unser Schweigen hervorgerufen. Wir leben in einem Zustand akuter Mittäterschaft. Denn in allem, was wir für unsere täglichen Lebensverrichtungen brauchen – Nahrung, Kleidung, Kosmetik, Medizin, Technik, Auto, Benzin, Kultur und Unterhaltung etc. – steckt vollbrachte Gewalt: Gewalt gegen beseelte Lebewesen, gegen die Naturbewohner von Wäldern, Wiesen, Bächen und Meeren, Gewalt in Tierlabors, in Tierhaltung und Schlachthöfen, Gewalt in den Haziendas der Dritten Welt, aus denen wir Kaffee, Zucker, Bananen und vieles mehr beziehen, Gewalt an den einheimischen Bauern, denen von den Konzernen ihr Land geraubt wurde, Gewalt an den Arbeitern, die in Billiglohnländern Sklavenarbeit verrichten für den Profit unserer Wirtschaft, gnadenlose Gewalt gegen alle, die sich dem weltweiten Unrecht widersetzen und dafür in den Folterkellern landen. Nie wurde im Namen westlicher und anderer Geheimdienste so viel gefoltert und gemordet wie heute. Und nie florierte unser Konsum so wie heute. Millionen von Menschen und Tieren sterben täglich für unseren Wohlstand. Ein einziger Blick in einen gefüllten Kühlschrank zeigt die Ergebnisse des weltweiten Imperialismus, indem wir uns niedergelassen haben. Auch in unserer Sprache spiegelt sich die Matrix der Gewalt. Vokabeln wie „Versuchstiere“, „Nutzvieh“, „Gänsemast“ oder „Schweineproduktion“ stammen eigentlich aus dem „Wörterbuch des Untermenschen“. Niemand könnte es ertragen, genauer hinzuschauen und zu sehen, was wir den Tieren tatsächlich antun. Die Wahrnehmung der Geschöpfe und ihres Leidens ist ersetzt durch die Terminologie des Profits. Kaum jemand wagt es, sich dem zu entziehen. Die seelische Infrastruktur der Menschen baut Härte auf, wo Weichheit nicht mehr in der Lage wäre, den Dingen ins Auge zu blicken. Eine Art von kollektiver seelischer Verkrustung hat sich über Herz und Hirn gezogen. Die Mechanisierung des Lebens, seine Ausrichtung auf die Erfordernisse von Konsum und Umsatz verlangen von der Bevölkerung den Verzicht auf elementare Wünsche nach Kontakt und Vertrauen, Liebe und Gemeinschaft. Elementare Sehnsüchte und Lebensenergien können nicht mehr in sinnvolle Handlung umgesetzt werden. (...)