Leseprobe: Die Heilige Matrix

Die heilige Matrix

(Auszug aus: Die Heilige Matrix von Dieter Duhm)

Und immer fließt im Unterirdisch-Dunklen
der heilige Strom.
Es funkeln aus der Tiefe manchmal seine Töne.
Wer sie hört, fühlt ein Geheimnis walten,
sieht es fliehen, wünscht es festzuhalten,
brennt vor Heimweh,
denn er ahnt das Schöne.

                        Hermann Hesse

Die heilige Matrix ist die Matrix des Lebens selbst. Sie liegt im Blühen eines Baumes, im Duft einer Blume, im Gezwitscher eines Vogels, im Suhlen eines Schweines und im Wehen eines Windes. Sie liegt in den Tiefen der Ozeane, im Auffalten der Gebirge, in den Tälern der Flüsse und auf den Gipfeln der ewigen Stille. Sie bewirkt den Aufbau eines Kristalls, einer Muschelschale oder einer Tropfsteinhöhle. Sie wirkt im Keimen des Getreides, in der Teilung der Zellen und im Spiel der Galaxien. Sie blickt manchmal rein und klar aus den Augen eines Säuglings. Und manchmal erreicht sie – in den schönsten Augenblicken der Liebe –unser Herz. Dann sind wir für eine kleine Ewigkeit verwandelt und kennen das Ziel unserer Reise.
Wir Menschen besitzen ein feines Sensorium für die heilige Matrix, wir spüren sie in vielen Dingen. Wir lassen uns von ihr berühren an stillen Plätzen, wir suchen bestimmte Orte extra ihretwegen auf. Es sind bestimmte Klänge im Seelenwind, die uns berühren an den Orten der Kindheit, am Ufer eines spiegelglatten Sees, auf den Dünen am abendlichen Meer oder in den funkelnden Tautropfen am Morgen. Seit Generationen hat sich hier wenig geändert. Menschen steigen in einsame Höhen, betrachten von einem Felsvorsprung den Aufgang der Sonne, schauen nachts in die Sterne und verbinden sich mit dem Ewigen. In der Verbundenheit erscheint das Heilige. Sie gehen in offene Kirchen, atmen die sakrale Luft, hören Orgelklänge und geraten in Resonanz mit der heiligen Matrix.
Ich hatte schon als Kind lange an Apfelblüten geschnuppert und herauszufinden versucht, an welche Art von Seligkeit mich dieser Duft erinnert. Dasselbe erlebte ich wieder, als ich viel später auf einer Apfelsinenplantage in Korsika arbeitete. Etwas an diesem Duft war urbekannt und unendlich schön. Es war wie der Vorschein eines Lebens, auf das hin alle Sehnsüchte, alle Fasern unserer Seele und alle unsere menschlichen Wünsche zusammenliefen. Meine Seele kannte dieses Leben und versuchte, es innerlich wiederzufinden, es so präzise wie möglich wiederzuerkennen und, wenn möglich, es zu verwirklichen. Viele Menschen kennen solche Erlebnisse, aber wenige hatten die Möglichkeit, ihnen zu folgen. Was sich hier teils noch verbirgt und teils offenbart, ist nicht nur ein Traum oder eine Sehnsucht, sondern es ist eine Realität: die Realität der heiligen Matrix. Wir hätten nicht diese Sehnsucht, wir fühlten nicht diesen Sirenenklang in unserer Seele, wir empfänden nicht dieses unabweisbare Gefühl einer tiefen Erinnerung, wenn es diese Realität gar nicht gäbe.  

Die heilige Matrix ist die ursprüngliche, übergeschichtliche, nichtentfremdete, kosmische oder göttliche Matrix des universellen Lebens. Sie soll, so der Schöpfungsauftrag an den Menschen, von uns Menschen auf der Erde verwirklicht werden. Sie schien uns in die Kindheit, wenn am Weihnachtsbaum die Kerzen brannten, sie erfüllte uns in der Seligkeit der ersten Liebe, sie begegnete uns manchmal am Rand des Todes. Wir können sie nie ganz verlassen, denn wir sind aus ihr geboren, wir sind mit ihr durch die Zeiten gegangen, wir haben sie immer wieder aufleuchten sehen an den Wegrändern und Zäunen unseres Territoriums. Wir haben sie im Jenseits angetroffen, haben uns mit ihr neu verbunden, um sie dann, wenn wir wieder auf die Erde kämen, nie mehr zu vergessen. Wir haben sie doch immer wieder vergessen und uns so an das Vergessen gewöhnt, daß sie uns nur noch wie ein ferner Traum erscheint. Aber wird uns nicht dieses irdische Leben, das wir hier und jetzt gerade führen und das uns so absolut real erscheint, eines Tages, wenn wir wieder im Jenseits sind, ebenfalls wie ein unwirklicher Traum erscheinen?  Haben wir nicht das Spiel mit den vielen verschiedenen Wirklichkeiten zu gut kennengelernt, um Träume einfach nur als Träume zu betrachten? Nicht ein Traum, sondern eine tiefe, tiefe Erinnerung ist es, die uns in der Berührung des Heiligen anfällt und immer aufs Neue unsere Sehnsucht erzeugt. Und im Namen der Wahrheit bleibt uns nichts anderes mehr zu tun, als den ganzen Inhalt dieser Sehnsucht zu finden und zu befolgen. Denn die erkannte, die nicht mehr verdrängte und nicht mehr verkitschte Sehnsucht ist der Wegweiser in die heilige Heimat. (...)