Das Wunder von Mulatos

Planetarisches Zukunftszentrum im Dschungel Kolumbiens
von Martin Winiecki


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ZUSAMMENFASSUNG
Das Friedensdorf San José de Apartadó ist eine ländliche Gemeinde von ca. 1500 Menschen im Norden Kolumbiens. Sie gehören keiner Organisation an, tragen keine Waffen und sind durch eine unerschütterliche Friedensethik miteinander verbunden. Aber sie stehen den Globalisierungsplänen von Regierung und Konzernen im Weg, deshalb geht der Staat brutal gegen sie vor. Sie haben in den letzten 13 Jahren fast 200 Mitglieder verloren, ermordet durch Militär, Paramilitärs und Guerilla. Im Dezember 2009 zieht eine Kerngruppe bergauf zu der Todesstätte von Luis Eduardo Guerra, einem ihrer ermordeten Führer. Sie wollen dort einen Ort schaffen für planetarische Friedensarbeit. Dafür muß Urwald gerodet und Material besorgt werden. Trotz schwierigsten Bedingungen steht nach 2 Monaten Bauzeit ein fertiges Zentrum, bereit für den Empfang von ca. 100 Pilgern, die hier oben im Februar 2010 an einer Veranstaltung des "Globalen Campus" teilnehmen wollen. Der Globale Campus ist eine internationale Universität, die von dem Friedenszentrum Tamera in Portugal gegründet wurde für die Ausbildung von Friedensarbeitern in aller Welt.
Was gab den Bewohnern von San José die Kraft, trotz der erlittenen Grausamkeiten durchzuhalten und in so kurzer Zeit ihr neues Zentrum zu errichten? Es war die Entscheidung, unter allen Umständen ein Zeichen für den Frieden zu setzen und für alle bedrohten Völker ein Modell zu schaffen für die Möglichkeit des Überlebens. Außerdem war eine tiefere Freundschaft entstanden zwischen ihnen und dem Friedensdorf Tamera in Portugal. Durch die dort lebende Gemeinschaft, so sagen sie, haben sie ihr eigenes Bild der Gemeinschaft wiedergefunden. Ich selbst war bei der Pilgerschaft dabei und bringe im Folgenden einen ausführlicheren Bericht.

EINFÜHRUNG
Nach acht Stunden Marsch durch den Dschungel, über steile Berge hinweg, an Paramilitärs und Guerilla vorbei, kommen wir ermüdet um eine Biegung in den winzigen Weiler Mulatos. Unsere Caminata por la Vida, die „Pilgerschaft für das Leben“, kommt ihrem Ziel entgegen. Wir, das sind Campesinos und Indigene, politische Aktivisten aus den kolumbianischen Städten, internationale Friedensarbeiter vieler Länder, darunter eine große Gruppe aus dem Friedensforschungszentrum Tamera. Mit uns sind Kinder, alte Leute, Maultiere unterwegs. Es liegt eine freudige Aufregung in der Luft, während wir durch die üppige Schönheit der Natur laufen. Manchmal könnte man fast denken, wir sind im Paradies.
Doch wir sind es nicht, daran werden wir stetig erinnert: Der Wald ist vermint, wir dürfen die Wege nicht verlassen.
Die meisten von uns sind nicht zum ersten Mal hier. Vor fast zwei Jahren gingen wir den Weg schon einmal. Damals war Regenzeit, und wir wurden durch endlosen Schlamm und häufiges Durchschreiten eines brusttiefen Flusses an den Rand der körperlichen Grenzen gebracht. Im Vergleich dazu ist der heutige Aufstieg leicht.
Wir sind die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Globalen Campus, einer globalen Friedensuniversität, die von Tamera in Portugal initiiert wurde; eingeladen wurden wir von der Friedensgemeinde San José de Apartadó.
Erst wenige Tage vor Beginn des Ausbildungstreffens hat die Friedensgemeinde den Teilnehmern mitgeteilt, dass sich der Veranstaltungsort geändert hat: Statt unten im Hauptdorf San Josecito mit Schule, Gemeinschaftsküche und einfachen Unterkünften soll der Globale Campus nun in Mulatos stattfinden – hoch in den Bergen, nur zu Fuß erreichbar. Mulatos ist der Ort, wo vor fünf Jahren in einem Massaker der damalige Leiter der Friedensgemeinde und seine ganze Familie brutal von Paramilitar und Militär umgebracht wurde. Vom letzten Besuch haben wir es als ein abgelegenes Gelände an einem Fluss in Erinnerung, auf dem eine Gedenkkappelle errichtet wurde und ein weiterer Bretterverschlag steht – mehr nicht. Wie soll hier eine internationale Friedensuniversität stattfinden – einschließlich Verpflegung, Unterbringung, Unterricht? Von einigen Mitpilgern hören wir Hinweise auf ein neues Zentrum mitten im Dschungel. Als wir schließlich um die Flussbiegung kommen und sehen, was hier errichtet wurde, verschlägt es uns den Atem. Wer hätte damit rechnen können! Ein ganzes Dorf ist entstanden. Am Eingang verkündet ein Schild „Willkommen im Friedensdorf Luis Eduardo Guerra“. Fernab von Straßen, ohne Geld, in ständiger Bedrohung und umzingelt von bewaffneten Gruppen haben die Bauern und Flüchtlinge, Männer, Frauen, Jugendliche, die zur Friedensgemeinde gehören, innerhalb weniger Wochen drei Hektar Wald gerodet und Versammlungsplätze und Unterkünfte für 120 Menschen, Schulhaus und Küche errichtet, viele Stunden von ihrem Wohnort entfernt. Sie müssen Tag und Nacht gearbeitet haben, aber auch dann: Uns scheint es wie ein pures Wunder. Das Wunder von Mulatos.
Was gab ihnen die Kraft? Was war ihre Motivation? Was hat dieses Wunder möglich gemacht? Sie sagen: „Wir wollen hier die Vision einer planetarischen Gemeinschaft des Friedens verwirklichen, die die Situation des Krieges hinter sich lässt. Mulatos soll in den nächsten Jahren zu einer lebendigen Friedensuniversität für Lateinamerika werden.“
Wir, die internationalen Gäste, die das Wunder dieses Ortes erlebt haben, die Visionskraft, den Mut seiner Erbauer für Zukunft, wir haben den Eindruck: Dies könnte ein Modell werden für Kolumbien – und darüber hinaus für alle unterdrückten Völker der Erde überhaupt.
Im Folgendem wollen wir der Geschichte des Wunders nachgehen – des Wunders von Mulatos und des Wunders, das nötig ist, um überall dort, wo bis jetzt Gewalt herrscht, ein Zeichen der Hoffnung zu setzen.

WAS IST DIESE FRIEDENSGEMEINDE?
San José de Apartadó liegt im Norden Kolumbiens, in einem der brutalsten Gebiete des Landes. Reich an Bodenschätzen und an landwirtschaftlicher Vielfalt, liegt sie strategisch wertvoll nahe an der Grenze zu Panama: eine Verbindungsregion zwischen Zentral- und Südamerika. Nordamerikanische Konzerne planen hier wirtschaftliche Großprojekte, um die Naturressourcen abzubauen, Agrarprodukte industriell anzubauen und zu verschiffen. Die in unmittelbarer Nähe geplanten Trockenhäfen („puertos secos“) gehören zu einem geostrategisch bedeutenden Verkehrskonzept: Eine Ergänzung zum Panamakanal, der Kolumbien den ersehnten wirtschaftlichen Aufschwung bringen soll.
Seit Jahrzehnten geschehen unzählige Vertreibungen und Massaker an der Landbevölkerung, die den Plänen von Konzernen und Regierung mit ihrem bloßen Dasein im Wege stehen und vom Staat nicht geschützt werden. Die Geschichte der Region zeigt die erbarmungslose Gewalt, mit der die Globalisierung der Märkte heute in weiten Teilen der Erde durchgesetzt wird.
Vor diesem Hintergrund kamen einige Leiter der Gemeinde San José de Apartadó vor mehr als 13 Jahren zusammen, um darüber nachzudenken, was man tun könnte, um sich gegen die Vertreibung zu schützen. Gemeinsam mit Padre Javier Giraldo, der seit langer Zeit als kirchlicher Menschenrechtsaktivist viele verfolgte Aktivisten und Gemeinden in Kolumbien unterstützt, entstand der Gedanke, dass sie – wenn der Staat sie nicht beschützt und sogar an ihrer Bekämpfung teil nimmt – dann ganz austreten müssten aus diesem System. Sie entschlossen sich zur Gründung einer Friedensgemeinde, eines neutralen Dorfes, in dem die Bewohner gemeinsam gewaltfreien Widerstand leisten gegen Krieg aller Parteien.
Nach einem Höhepunkt der paramilitärischen Gewalt, im März 1997, kamen 1350 Campesinos der verschiedenen Weiler von San José de Apartadó zusammen und unterzeichneten die Gründungserklärung der Friedensgemeinde. Wer ihr beitritt, verpflichtet sich, mit keiner der Konfliktparteien zu kooperieren, keine Waffen zu besitzen, keine Drogen und keinen Alkohol zu konsumieren, sowie sich an den Gemeinschaftsarbeiten des Dorfes zu beteiligen.
Diese Prinzipien sind der Kern ihrer gemeinschaftlichen Identität und damit ihre Überlebensbasis. In den 13 Jahren ihres Widerstands wurden fast 200 Menschen der Gemeinschaft ermordet – von  Paramilitärs, Armee und Guerilla. Trotzdem machen sie weiter. Sie wohnen in einfachen Holzhütten, zwischen ihnen die Hühner und die Schweine, sie arbeiten hart auf Kakao- und Bananenfeldern. Sie stehen mit Gummistiefeln und ihren bloßen Händen den bewaffneten Mächten gegenüber. Das einzige, das sie haben, ist ihre Visionskraft, ihre Solidarität und die Kraft ihrer Gemeinschaft.
Damit konnten sie bis heute vielen Bedrohungen widerstehen und überlebten auch gezielte Gemeinheiten: Im März 2005 besetzte die Polizei ihr Hauptdorf San José de Apartadó, angeblich um sie zu schützen. Daran wäre die Gemeinschaft fast zerbrochen, denn eine Polizeistation hätte ihren Grundwert, die Neutralität, unterhöhlt. Außerdem hatten die Bewohner miterlebt, dass auch staatliche Gruppen sich an der Gewalt beteiligten. Wie konnten sie der Polizei trauen – oder irgendwelchen anderen Organen des Staates?
Die Friedensgemeinde handelte mit großer Entschlossenheit: Sie gab ihren Ort auf. 300 Menschen lie゚en ihre Häuser zurück, gingen wenige Kilometer flussabwärts und bauten auf einer Wiese ein neues provisorisches Dorf auf: San Josecito – das kleine San José. Hier leben sie bis heute unter einfachsten Bedingungen, es wurde der Hauptort der Gemeinde.
Immer noch können die Leiter der Gemeinde es nicht wagen, ohne Begleitung Internationaler in die nahegelegene Stadt Apartadó zu gehen. Denn immer wieder geschieht es, dass Mitglieder des Rates bei offiziellen Kontrollen an den Militär- und Polizeiposten aus dem Auto geholt, ohne Anklage verhaftet oder gleich am Straßenrand ermordet werden.
Die Bewohner der Friedensgemeinde wurden von obersten Stellen in Kolumbien zu Vogelfreien erklärt: Medien und Politiker des Landes – allen voran Präsident Uribe – verleumden sie öffentlich als Terroristen, es wird behauptet, ihr Dorf sei ein Lager der Guerilla.
Jeder Besucher kann sich vom Gegenteil überzeugen, doch in der kolumbianischen Medienlandschaft bekommen diese Zeugen keine Stimme.
In der ständigen Bedrohung haben die Bewohner erfahren, wie überlebenswichtig es ist, sich untereinander zu vertrauen und sich aufeinander verlassen zu können. Der unachtsame Umgang mit Informationen kann Menschenleben kosten.
Es gibt keinen Menschen in San José de Apartadó, der sich an eine Zeit des Friedens erinnert. Auch vor dem über 40-jährigen Bürgerkrieg gab es bereits Gewalt, Mord, Herrschaft von Agrarkonzernen. Und doch: Sie haben sich in diesem Land, in dem die grundlegenden Menschenrechte schon lange nicht mehr respektiert werden, ihr moralisches Recht zurückerobert, das Recht, menschenwürdig zu leben.
Das tun sie nicht nur für sich selbst, sondern im Namen aller Unterdrückten. San José de Apartadó wurde zum Vorreiter einer ganzen Bewegung: Etwa 20 Gemeinden in Kolumbien erklärten sich nach diesem Vorbild zu neutralen Friedensgemeinden und bauen gewaltfreie Alternativen auf. Einige von ihnen schlossen sich zur sogenannten „Universität des Widerstandes“ zusammen, ein alternatives Ausbildungssystem der Friedensgemeinden. Ihr dringender Wunsch ist, mit der Ausbildung ihrer Jugend eine Perspektive zu bieten, die über die Illusion eines wohlhabenden Lebens in den Städten hinausführt und sie mit Friedenswissen ausstattet.
Für ihre Arbeit wurde die Friedensgemeinde San José de Apartadó 2007 mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet und im selben Jahr für den Friedensnobelpreis nominiert. Ihr Schutz besteht in der internationalen Aufmerksamkeit. In Spanien und Italien entstanden Solidaritätsnetzwerke. Menschenrechtsorganisationen wie „Amnesty International“ haben sich eingeschaltet, „Peace Brigades International“ und „Fellowship of Reconciliation“  sind seit vielen Jahren dauerhaft präsent und schützen die Menschen so gut sie können vor Angriffen.
Im Jahr 2005 wurde Luis Eduardo Guerra, einer ihrer Visionäre und Leiter, zusammen mit seiner jungen Frau, seinem kleinen Sohn und einer weiteren Familie von Militär und Paramilitär brutal ermordet. Wie fast kein anderer verkörperte Luis Eduardo die Kraft der Gemeinschaft, immer weiter nach vorne zu gehen. Seine Ermordung war ein so heftiger Schlag, dass die Gemeinschaft drohte, daran zu zerbrechen. Gloria Cuartas, die als ehemalige Bürgermeisterin von Apartadó die Friedensgemeinde von Anfang an begleitet hat, startete einen Notruf an alle ihre Freunde, um die Friedensgemeinde in diesem schweren Moment zu unterstützen.
Eine der Initiativen, die sich meldeten und helfen wollten, kam aus Portugal. Jahre zuvor hatte die als „Bürgermeisterin des Friedens“  über die Landesgrenzen hinaus bekannt gewordene Menschenrechts-anwältin das Friedensforschungszentrum Tamera kennengelernt, zu einer Zeit, in der sie in ihrem unermüdlichen Kampf für bessere Lebensbedingungen in Kolumbien in eine schwere Krise geraten war. Ihr Versuch, durch Verhandlungen zwischen Paramilitärs und Guerilla eine politische Lösung zu erreichen, war gescheitert. Bei ihrem Besuch in Tamera, das als Gemeinschaft an einem realen Lebensmodell für eine friedliche Zukunft arbeitet, traf sie auf eine andere Vision der Friedensarbeit. Das gab ihr die Kraft, trotz aller Niederlagen und Bedrohungen weiterzumachen. „Ihr habt hier“, sagte sie zu den Menschen Tameras, „unseren eigenen Traum weitergeführt, den wir schon so lange begraben haben.“
Nach dem Massaker an Luis Eduardo Guerra ruft sie Tamera an und schlägt vor, zwei Vertreter von San José nach Tamera einzuladen. Das wird auch gemacht. Es war der Anfang von regelmäßigen gegenseitigen Besuchen, einer sich stetig vertiefenden Kooperation und immer tieferen Freundschaft zwischen den beiden Gemeinschaften.
Sabine Lichtenfels, Mitgründerin von Tamera, hatte seit 2005 mehrfach zu Friedenspilgerschaften „im Namen von Grace“ eingeladen. Im Oktober 2008 führte sie die erste Caminata por la Vida, eine Pilgerschaft im Namen von Grace, durch San José de Apartadó, um das Licht der internationalen Aufmerksamkeit auf die Friedensgemeinde zu richten und an der Gesamtsituation Anteil zu nehmen.
Die Pilgerschaft mit teilweise einigen hundert Teilnehmern wurde zu einem unerwartet existenziellen Trip. Nach schwerem Regen mussten sie nachts tiefe Flüsse durchqueren, viele Teilnehmer kamen an ihre absoluten körperlichen Grenzen. Auf einer Zwischenstation wurden Menschen der Friedensgemeinde von Paramilitärs als Geiseln genommen, schließlich aber wieder frei gelassen. Die Gruppe war alarmiert: Mitten im Dschungel waren sie umringt von bewaffneten Gruppen auf Konfrontationskurs.  Es wurde schließlich kritisch, als Mitglieder der Friedensgemeinde die Anwesenheit der Internationalen nutzen wollten, um sich direkt mit Paramilitärs zu konfrontieren. Die vermittelnde Leitung von Sabine Lichtenfels verhinderte weitere gefährliche Zusammenstöße. Sie versammelte die Pilger unter einem großen Baum. Umgeben von bewaffneten Kräften, die sich ringsum in den Büschen versteckten, sprachen sie ein Gebet für die Versöhnung.
Viele Pilger hatten das Gefühl, dass davon auch die Paramilitärs erreicht wurden. In diesem Augenblick zeigt sich am Stamm des Baumes friedlich eine große Schlange. Eine Szene wie vom Baum des Lebens im Garten Eden. Es war wie ein Zeichen, als wolle die Natur den Menschen auf das Paradies hinweisen, das hier angelegt ist. Die Bedrohung wandelte sich.
Einen ähnlichen Moment erlebten sie in Apartadó, als sich das Militär einem Umzug der Friedensgemeinde in den Weg stellte. Sabine Lichtenfels vermittelte zwischen San José de Apartadó und dem Brigadegeneral Hector Peña. Als der General wenige Wochen später zurücktrat, hieß es, er habe seine Ziele in der Region nicht erreicht. Andere aber sehen einen Zusammenhang zu der Begegnung mit einer Frau der „Gegenseite“, die durch ihre lebendige Anteilnahme das übliche Muster der Feindschaft außer Kraft setzte.
Das anschließende erste Ausbildungstreffen des Globalen Campus in San José wurde zu einer Plattform der tieferen Verständigung zwischen Friedensarbeitern verschiedener Kulturen und Kontinente. Der intensive geistige Austausch führte zu einem Bild globaler Zusammengehörigkeit: Es entstand eine planetarische Gemeinschaft von Menschen, die weltweit das System der Gewalt verlassen und an einer gewaltfreien Alternative arbeiten wollen.
Nachdem im Sommer 2009 schließlich zwei ihrer visionären Leiter, Eduar Lanchero und Padre Javier Giraldo, selbst nach Tamera kamen, fiel ihre Entscheidung, innerhalb der Friedensgemeinde, ein Zukunftszentrum der globalen Gemeinschaft zu errichten. Die Auswahl fiel auf den schwierigsten und für sie bedeutendsten Ort: auf Mulatos.

WAS IST TAMERA?

Das Friedensforschungszentrum Tamera beruht auf einer radikalen, über 30-jährigen Forschungsarbeit für den Frieden. Dieter Duhm, einer der geistigen Anführer der 68er Studentenrevolution in Deutschland, war aus seinem bürgerlichen Leben ausgetreten, auch aus dem Marxismus, weil er an keiner Struktur mehr teilnehmen konnte, die auf Gewalt und Ausbeutung anderer beruht. 1978 kam er mit Sabine Lichtenfels und anderen zusammen, um ein neuartiges Projekt für einen anderen Gedanken der Revolution zu gründen. Sie wussten, dass Widerstand und politische Appelle allein den Krieg nicht beenden würden, sondern dass neue reale Lebenssysteme nötig sind. Sie wollten ein Friedensmodell aufbauen, das an keiner Stelle mehr auf Gewalt und Heuchelei beruht. Neben allen Fragen von Architektur, Ökologie, Wasser, Ernährung, Technologie etc., stießen sie als Gemeinschaft schnell auf das innere Konfliktfeld zwischenmenschlicher Beziehungen.
Hier, im inneren Bereich des Menschen von Liebe, Sexualität, Vertrauen, Gemeinschaft waren bisher alle Gemeinschaften und Versuche zur positiven Veränderung der Welt gescheitert. Genau deshalb mussten sie hier eine wirkliche Perspektive finden. Sie mussten Antworten finden: Wie sieht ein Gesellschaftssystem aus, in dem keine Eifersucht mehr entsteht, wenn sich ein Geliebter einem anderen zuwendet? Wie können sich untergründige Konkurrenzkämpfe um Macht, Geld und Sex verwandeln in Vertrauen und Ergänzung?
Sie wollten die Veränderungen, die sie im Äußeren sehen wollten, an sich selbst vollziehen. Sie wussten, dass man mit alten Methoden nicht auf neue Ergebnisse kommen konnte. Deshalb suchten sie nach neuen Methoden, um den menschlichen Untergrund zu heben. Es gelang ihnen das Ungewöhnliche: eine tragfähige Gemeinschaft zu errichten.
1995 kam es zur Gründung von Tamera, dem ersten globalen Pilotmodell für eine planetarische Friedenskultur auf einem weiträumigen Gelände im Süden Portugals. Seitdem hat sich Tamera zu einer internationalen Gemeinschaft von 160 Menschen entwickelt. Im Rahmen ihrer Friedensuniversität arbeiten sie im menschlichen Bereich gemeinsam mit ihren Gründern Dieter Duhm und Sabine Lichtenfels an der Auflösung des kollektiven menschheitlichen Traumas und für eine tiefe Versöhnung der Geschlechter. Daneben entwickeln sie ein autarkes System für nachhaltige Ökologie und Wasserlandschaft und arbeiten im so genannten „Solar Power Village“ mit dem Erfinder Jürgen Kleinwächter an neuen Solartechnologien für Dörfer in allen sonnigen Gebieten der Erde.

IDEE DES GLOBALEN CAMPUS

Neben der Verbindung zu San José de Apartadó steht Tamera in enger Kooperation mit Friedensinitiativen in Israel-Palästina, Indien, Tibet, USA und anderen Ländern, hat politische Pilgerschaften und Hilfsaktionen in verschiedenen Krisengebieten durchgeführt und bildet Friedensarbeiter aus. Aus globalen Verbindungen wurde eine Idee geboren: Im Zusammenkommen von Zukunftsprojekten, Erfindern und Ausbildungsstätten aus aller Welt entstand die Vision des Globalen Campus, einer weltweiten Friedensuniversität mit Stationen auf allen Kontinenten, in der junge Menschen das umfassende Grundlagenwissen lernen, das die verschiedenen Projekte in jahrzehntelanger Forschung erarbeitet haben. Im Vordergrund steht das Wissen über Gemeinschaft und den Aufbau autarker Modelle, das in Theorie und Praxis – einer Kombination moderner Wissenschaft, sozialem Wissen, Technologie und Ökologie – studiert wird. Studenten, die durch die Ausbildung des Globalen Campus gegangen sind, sollen zu kraftvollen und kompetenten Trägern für den Aufbau planetarischer Zukunftszentren des Friedens auf der ganzen Welt werden. Sie nehmen teil an einem Weltprojekt für eine Zukunft ohne Krieg.
Padre Javier Giraldo und Eduar Lanchero kamen im Sommer 2009 in das Friedensforschungszentrum Tamera. Sie stellten viele Fragen und wurden erinnert an das Seelenbild "Gemeinschaft". Sie kamen nicht zu einer Konferenz, so wie man sich üblicherweise in Europa zum Thema Frieden trifft und danach wieder auseinander geht, sondern sie traten ein in ein ganz neues Lebensmodell. Sie sahen, dass die Menschen hier, aus einer wohlhabenden Gesellschaft kommend, ihre eigenen Karrieren aufgegeben hatten und freiwillig unter sehr einfachen und experimentellen Umständen leben.
In Tamera treffen sie ihren eigenen Traum: das Bild einer Friedensgemeinschaft, in der Menschen und alle Wesen in einem Biotop der Wahrheit und des Vertrauens miteinander leben. Es ist der Traum, der den Menschen von San José intuitiv immer vorschwebte. Sie gewannen den Glauben zurück, den sie in ihrer schweren Situation manchmal fast verloren hätten.

MULATOS – PLANETARISCHES ZENTRUM

Zurück in Kolumbien sprachen sie vor ihrer Gemeinschaft über ihre Erfahrungen in Tamera, sie waren mit einer neuen Kraft zurückgekommen. Die ganze Gemeinschaft kam zusammen und beriet: Sollen wir nicht noch mal ganz neu anfangen? Sollen wir nicht die ursprüngliche Vision verwirklichen und dafür einen Ort aufbauen? Rational gesehen, schien es schier unmöglich unter den Bedingungen, in denen sie leben. Doch dann setzte sich die Kraft des Traumes durch, der in ihnen in Tamera angestoßen wurde.
Anfang Dezember 2009 begann der Aufbau von Mulatos. Hier, wo Luis Eduardo Guerra ermordet wurde, sollte das planetarische Zentrum entstehen, hier wollten sie eine Lateinamerika-Universität eröffnen. Anfang Dezember stand hier noch nichts außer einer Hütte und dem Kreuz für Luis Eduardo. Jetzt steht hier ein wachsendes Dorf, das ein Zentrum werden könnte für die sozialen und technischen Zukunftsfragen der ausgebeuteten Länder in Lateinamerika und in anderen Regionen der Erde.   
                                              
AUSBILDUNG 2010
In Mulatos erleben wir das Entstehen einer globalen Gemeinschaft. Indigene, Campesinos, Internationale drängen sich im proppevollen Kiosko, der brandneuen Versammlungshalle des Ortes. Viele Sprachen überlagern sich in diesem Raum. „Die Gemeinschaft hat die Auferstehung erlebt“, sagt Eduar Lanchero genau fünf Jahre nach dem Massaker an Luis Eduardo und dessen Familie. Was sich hier zu verwirklichen beginnt, war die Vision von Luis Eduardo selbst. Er wusste, dass die Politik des Todes nicht durch Ideologie, sondern allein durch neue Lebensräume überwunden werden könnte, in denen Männer und Frauen in sich die kapitalistische Realität wandeln in eine Realität des Lebens. Fünf Jahre nach seiner Ermordung hat sich der Ort des Schreckens in eine Keimzelle neuen Lebens verwandelt. In einem ersten Universitätstreffen des Globalen Campus in Mulatos werden Grundlinien einer realen Zukunftsperspektive gelegt.
Padre Javier Giraldo: „In den Gemeinschaften gibt es eine tickende Zeitbombe: Die Jugend wird in die Städte verführt, in den Schein eines Wohlstandes, den es so gar nicht gibt.  Seit Jahren ist das eine der größten Herausforderungen der Friedensgemeinschaften in Kolumbien überhaupt: Was ist ihre Zukunftsperspektive, die attraktiver ist als die Verführung in die Städte? Viele junge Menschen verlassen die Friedensgemeinde, sie kamen als Kinder mit ihren Eltern hierher und haben innerlich keine Verbindung zu ihren Prinzipien.“ Wie sieht eine Ausbildung aus, welche die tiefer liegenden Fragen der jungen Menschen aufgreift und ihre Sehnsucht nach einem sinnvollen Leben beantwortet?
Das Konzept der Ausbildung umfasst auf materieller Ebene einfache Technologien, die den Alltag des bäuerlichen Lebens erleichtern sollen und ihnen helfen sollen, autark zu werden. Dazu gehört das Wissen über autarke Gesundheitsversorgung, nachhaltige Ökologie, nachhaltiges Bauen und erste Formen neuer Technologie. In einer Gruppe wurde ein einfacher Solartrockner für Kakao gebaut.  
In der Gesundheitsversorgung unabhängig zu sein, ist für die Menschen von San José überlebensnotwendig und ein politischer Schritt. Oft wurde Menschen aus der Gemeinde die ärztliche Hilfe in den nahen Krankenhäuser verweigert: ein perfides Machtmittel, an dem viele gestorben sind. Nun trägt eine Arbeitsgruppe zur Gesundheit das regionale Heilpflanzenwissen von Campesinos und Indigenen zusammen. Es wird in einem Handbuch zusammengefasst, das über die Friedensgemeinde hinaus benutzt werden kann. In den verschiedenen Weilern der Friedensgemeinde beginnt der Aufbau von Heilpflanzengärten; altes Heilungswissen für die Behandlung vieler Krankheiten kommt zusammen mit einem modernen ganzheitlichen Konzept der Heilung.
Im Rahmen des Globalen Campus entstand eine Perspektive der Fülle, die nicht mehr auf Konsum, sondern auf Kooperation mit der Natur beruht. Gemeinsam entwickelten sie den Gesamtplan eines möglichen autarken Modelldorfes: Es schließt die Versorgung mit sauberem Trinkwasser und mit eigenem Obst und Gemüse ein, das Bauen mit lokalen Materialien, eine Biogasanlage zur eigenen umweltfreundlichen Stromversorgung etc. Im Sommer (Juni und Juli) 2010 werden Mitarbeiter aus Mulatos nach Tamera kommen, um gemeinsam mit Mitarbeitern aus Tamera eine Biogasanlage aufzubauen. Beim Bau wird das Wissen vermittelt, wie eine solche Anlage funktioniert und wie man sie aufbaut. Dadurch soll das Team aus Mulatos die Möglichkeit erhalten, bei sich eine solche Anlage aufzubauen - ein Kernstück für eine autarke Energieversorgung.
Parallel wurden um die Kapelle für Luis Eduardo Guerra herum Steine aufgestellt, in die sie Symbole für eine neue Friedenskultur einmeißelten: So entsteht ein heiliger Bereich, der unabhängig ist von einer bestimmten religiösen Strömung. Menschen, die hier in Mulatos ankommen, sollen daran erinnert werden, dass sie Teil einer größeren Schöpfung sind und wieder lernen müssen, mit ihr zu kooperieren. Christliche und indigene Elemente fließen in die Arbeit ein und ergänzen sich ohne Kampf.
„In einer neuen Friedenskultur“, sagt Sabine Lichtenfels, „wird kein Aspekt der Schöpfung mehr über einem anderen stehen oder gar ausgeschlossen werden. Frieden ist das Geheimnis der Balance und Kooperation zwischen allen Kräften und Wesen.“
Um Claudio Miranda de Moura, einen sonnigen Sambamusiker aus Brasilien, der ebenfalls am Globalen Campus teilnimmt, versammelt sich eine ganze Menschenmenge auf dem Dorfplatz von Mulatos. Mit nicht nachlassender Freude und Ausdauer lehrt er den Kindern und Jugendlichen neue Lieder. Claudio kommt aus São Paulo, aus einem der brutalsten Slums Brasiliens. Viele Geschichten, die er hier hört, könnten auch seine eigenen sein. Als Jugendlicher hat er miterlebt, wie viele seiner Freunde ermordet wurden. Claudio ist es klar, dass es auf tieferer Ebene keinen Unterschied gibt zwischen den Jugendlichen der Friedensgemeinde und denen, die zum Militär oder Paramilitär gehen. „Jugendliche brauchen einen Anhaltspunkt. Wenn sie keine Eltern haben, gehen sie zu Leuten, die sie bewundern, z.B. dem Militär“, sagt er. „Ich suche danach, ihnen etwas Attraktiveres zu zeigen, damit sie nicht mitmachen bei der Gewalt.“ In den Slums hat er dafür ein Projekt für Musik, Poesie und Kreativität aufgebaut, um die jungen Menschen aus der Welt der Drogen herauszuholen.
Jugendliche aus weit verstreuten Dörfer kommen für einige Tage in Mulatos zusammen. Gemeinsam studieren sie, gestalten das Schulhaus als ihr Jugendzentrum und lernen über die Kulturen der Welt. Schüchtern und langsam beginnen sie, sich selbst auszudrücken. Sie formulieren, warum sie in der Friedensgemeinde sind, über die Einflüsse der Medien und der Kultur in Kolumbien und vor allem, dass sie Teil sein wollen in einer neuen Kultur, dass sie Lust haben auf ein anderes Leben, dass sie nicht mehr projizieren wollen auf die westliche Kultur.
Immer mehr Frauen fangen an zu sprechen. Wir hören bewegende Geschichten von den Verlusten ihrer Männer und Kinder und wie sie danach gerungen haben, der Liebe treu zu bleiben. Es ist erschütternd zu sehen, durch welches Leiden diese Frauen in ihrem Leben gegangen sind. Dennoch sprechen sie nicht nur von ihrem Schmerz. Es ist erstaunlich, wie viele der Frauen gerade in den schwierigsten Momenten einer liebenden Kraft begegnet sind, die sie Gott nennen. Es ist die Kraft, die es ihnen ermöglichte, nicht den Weg der Rache zu gehen, sondern die Friedensgemeinde mit aufzubauen. Über viele Jahre waren es die Frauen, die im Hintergrund die soziale Basis der Gemeinschaft zusammengehalten haben. Die großen Reden und die Leitung überließen sie den Männern. Jetzt erfahren sie Ermutigung und Unterstützung, sich weiter nach vorn zu wagen und auf solidarische Weise ihre Stimme einzubringen.

AUSBLICK
Am Ende des ersten Treffens des Globalen Campus in Mulatos beschreibt Eduar Lanchero die Vision des Friedensdorfs Mulatos in drei Jahren. Es soll ein Ort sein, der jeden Tag den Frieden aufbaut, ein Dorf, in dem die Menschen erfüllt sind von einer gemeinsamen Kraft der Gemeinschaft, die sie zusammenbringt in einem unbeirrbaren Einsatz für den Frieden. Er sagt:
„Es ist unsere Herausforderung, uns zu neuen Männern und Frauen zu entwickeln und reale Alternativen aufzubauen, in der die Zukunft nicht die Zukunft ist, die uns beigebracht wurde, sondern eine, die von uns allen kollektiv aufgebaut wird.“
Jetzt spricht auch Claudio Miranda vom Aufbruch in São Paulo, den er seit seinem Besuch in Tamera im letzten Sommer erlebt hat. In Tamera ist in ihm die Vision gewachsen, seinen Slum, in Brasilien bekannt als ein Symbol des Drogenkrieges, in eine lebendige Friedensgemeinschaft zu verwandeln. Er nennt sie "Favela da Paz". In ihm wuchs die Gewissheit: Wenn es gelingt, diesen Ort, der für seine Brutalität bekannt ist, in einen Platz gelebten Friedens zu wandeln, dann wird ganz Brasilien aufhorchen – mehr noch, dann wäre ein Modell für die Slums dieser Erde geschaffen.
Zurück in São Paulo wurde er von Unterstützungsangeboten überschüttet, wie er es sich nicht hätte vorstellen können. Seine Vision machte ihn plötzlich zum Magneten für deren Verwirklichung. Mit großer Betriebsamkeit und Hoffnung begann die Transformation des Slums, getragen von der Leuchtkraft von Claudio und seinem Team.

Ich bin sehr bewegt von den Ereignissen. Hier in Mulatos, im Dschungel Kolumbiens, hat das Wunder einer neuen Friedensmacht begonnen. Das Wunder braucht unsere Unterstützung, die Hilfe der Weltöffentlichkeit. Es braucht finanzielle, technische und publizistische Unterstützung. Es braucht weitere internationale Aufmerksamkeit. Dafür wird vom 1.- 9. November 2010 unter der Leitung von Sabine Lichtenfels und Padre Xavier Giraldo eine Pilgerschaft in Bogotá stattfinden.
 Bitte helfen Sie mit, dass es gelingt.

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Literaturempfehlung:
Sabine Lichtenfels: GRACE. Pilgerschaft für eine Zukunft ohne Krieg.
ISBN 978-3-927266-23-0, Verlag Meiga, 2006.


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